Ratgeber

Dorfladen retten: So holt ein Dorf seinen Laden zurück

Wenn der letzte Laden schliesst, verliert ein Dorf mehr als eine Einkaufsmöglichkeit. Dieser Ratgeber zeigt, wie Dörfer in der Schweiz ihren Laden selbst weiterführen: von der ersten Umfrage über die Genossenschaft bis zum Laden, der rund um die Uhr offen hat.

Dorfladen an der Strasse durch Gähwil

Kurz gesagt

  • Zuerst klären, ob das Dorf den Laden will und mitträgt, am besten mit einer Umfrage an alle Haushalte.
  • Eine Genossenschaft verteilt Kapital und Verantwortung auf viele Schultern. Gegründet wird sie von mindestens sieben Personen.
  • Ohne Personal an der Kasse fällt der grösste laufende Kostenblock weg. Viele Dorfläden sind nur noch wenige Stunden pro Woche bedient.
  • Das Geld kommt meist aus mehreren Quellen: Anteilscheine, Spenden, Gemeinde, Schweizer Berghilfe, Stiftungen und viel Freiwilligenarbeit.
  • Öffnungszeiten, Alkoholverkauf und Lebensmittelkontrolle regelt der Kanton. Frag dort früh nach.
Die Ausgangslage

Warum Dorfläden schliessen

Meist rechnet es sich nicht mehr: Miete, Kühlung und Personal kosten im Verhältnis zur Kundschaft viel, und ein neues Einkaufszentrum in der Nähe oder der Onlinehandel ziehen Umsatz ab. Oft fehlt auch die Nachfolge, wenn langjährige Betreiber aufhören. In Gurtnellen musste der Betreiber nach fast 40 Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufgeben, in Gähwil war ein halbes Jahr nach dem Betreiberwechsel Schluss.

Die Schweizer Berghilfe erhält seit 2019 deutlich mehr Gesuche von Dorfläden. Seit Anfang 2023 hat sie 21 Dorfläden mit über CHF 500’000 unterstützt, rund ein Drittel davon mit einem digitalen Konzept.

Der Weg

In acht Schritten zum eigenen Dorfladen

  1. 1

    Bedarf klären

    Fragebogen an alle Haushalte: Wer kauft wo ein, was fehlt, wer hilft mit?

  2. 2

    Kerngruppe bilden

    Ein paar Leute mit Zeit, die im Dorf bekannt sind. Oft ist jemand aus dem Gemeinderat dabei.

  3. 3

    Trägerschaft wählen

    Genossenschaft, Verein oder ein Betreiber, der mit dem Dorf zusammenarbeitet.

  4. 4

    Betriebsmodell festlegen

    Bedient, teilweise bedient oder rund um die Uhr ohne Personal an der Kasse.

  5. 5

    Lokal finden

    Zentral, mit Parkplätzen und Zufahrt für Lieferungen. Eine moderate Miete hilft enorm.

  6. 6

    Finanzierung sichern

    Anteilscheine, Spenden, Gemeinde, Berghilfe, Stiftungen und Freiwilligenarbeit kombinieren.

  7. 7

    Bewilligungen klären

    Öffnungszeiten, Alkohol und Lebensmittelkontrolle mit Gemeinde und Kanton besprechen.

  8. 8

    Umbauen und eröffnen

    Mit Freiwilligen umbauen, Lieferanten anbinden, Kasse einrichten und das Dorf einladen.

Bedarf

Will das Dorf den Laden wirklich?

Bevor Geld fliesst, braucht es eine ehrliche Antwort: Kauft das Dorf im Laden ein, wenn es ihn gibt? In Gurtnellen füllten 304 der 490 Einwohnerinnen und Einwohner einen sechsseitigen Fragebogen aus, 59 Haushalte boten Hilfe an. Der anschliessende Info-Abend füllte die Turnhalle.

Rechne auch nüchtern: Die Schweizer Berghilfe unterstützt Läden mit rund CHF 400’000 bis 1 Million Umsatz im Jahr, darunter gilt ein Laden als finanziell sehr kritisch. Ein Haushalt gibt im Schnitt rund CHF 7’500 im Jahr für Lebensmittel aus. Wie viele Haushalte müssten einen guten Teil davon im Dorf ausgeben?

Trägerschaft

Genossenschaft, Verein oder Betreiber?

Genossenschaft

Die häufigste Form. Mindestens sieben Personen gründen sie mit öffentlicher Urkunde, sie entsteht mit dem Eintrag ins Handelsregister. Jedes Mitglied hat eine Stimme. Im Gürkli in Gurtnellen kostet ein Anteilschein CHF 200.

Verein

Schneller gegründet. Die Mitgliederbeiträge können laufende Kosten wie die Miete mittragen.

Betreiber mit dem Dorf

Ein Unternehmen betreibt den Laden, das Dorf trägt ihn mit. In Gähwil holte der Dorfverein die Toggenburgshop AG an Bord, die den Dorla betreibt.

Betrieb

Bedient, gemischt oder rund um die Uhr?

Löhne sind im Dorfladen der grösste laufende Kostenblock. Darum setzen immer mehr Dörfer auf Selbstbedienung: Die Kundschaft scannt ihre Einkäufe selbst und bezahlt am Terminal.

Bedient

Persönlich und vertraut, aber teuer: Jede Öffnungsstunde braucht Personal. Das rechnet sich nur mit genug Umsatz.

Gemischt

Ein paar Stunden pro Woche bedient, sonst Selbstbedienung. Das Gürkli in Gurtnellen ist montags und donnerstags bedient.

Rund um die Uhr ohne Personal

Zutritt frei oder per Code, bezahlt wird an der Selbstbedienungskasse. Der Dorla in Gähwil hat 24 Stunden offen, drei Mitarbeiterinnen aus dem Dorf schauen zum Laden.

Der Dorla bei dir?

Ein Laden wie in Gähwil, auch in eurem Dorf

Der Dorla ist ein Dorfladen, der rund um die Uhr offen hat, ohne Personal an der Kasse. Die Toggenburgshop AG baut ihn zusammen mit dem Dorf auf, betreibt ihn und sucht weitere Standorte.

  • Offen 24 Stunden, 7 Tage die Woche
  • Brot, Käse und Fleisch von Produzenten aus der Region
  • Passt zu Orten mit rund 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern und einem Lokal von 70 bis 120 m²
Der Dorla in Gähwil am Abend, Laden beleuchtet
Finanzierung

Woher das Geld kommt

Kaum ein Dorfladen wird aus einer einzigen Quelle finanziert. In Gurtnellen waren für Umbau und Start rund CHF 500’000 budgetiert, davon rund CHF 200’000 als Freiwilligenarbeit.

Anteilscheine und Spenden

Das Dorf beteiligt sich direkt. In Gurtnellen waren bis zur Eröffnung 138 Anteilscheine zu CHF 200 gezeichnet.

Gemeinde

Zinslose Darlehen, Beiträge à fonds perdu oder Bürgschaften. Gurtnellen bekam CHF 20’000 als zinsloses Darlehen, CHF 5’000 à fonds perdu und eine Bürgschaft für ein mögliches NRP-Darlehen.

Schweizer Berghilfe

Unterstützt Dorfläden im Berggebiet, etwa bei Kühlanlagen, Umbau und Einrichtung. Voraussetzung: Die Bevölkerung trägt den Laden mit.

Neue Regionalpolitik (NRP)

Bund und Kanton fördern innovative Projekte mit Darlehen und Beiträgen. Für einen reinen Nahversorgungsladen ist das nicht selbstverständlich, der Kanton entscheidet.

Stiftungen und Sponsoren

Viele Stiftungen entscheiden nur ein- oder zweimal im Jahr. Früh anfragen lohnt sich.

Crowdfunding

Für Einzelnes wie Tür, Beschriftung oder Licht. Auf Lokalhelden von Raiffeisen sammelte das Gürkli CHF 3’760.

Bewilligungen

Was der Kanton mitredet

Die Regeln für Läden ohne Personal sind kantonal und teils im Umbruch. Dieser Überblick (Stand Oktober 2026) ersetzt keine Abklärung: Frag früh bei Gemeinde und Kanton nach.

Öffnungszeiten

In Basel-Stadt dürfen Läden ohne Personal rund um die Uhr offen haben, in Zürich werktags ohne Einschränkung und sonntags nur kleine Läden ganz ohne Personal. In Luzern gilt für kleine Selbstbedienungsläden nach einem Beschluss des Kantonsrats 5 bis 22 Uhr. In St. Gallen ist die Rechtslage umstritten.

Alkohol und Tabak

Bier und Wein erst ab 16, Spirituosen und Tabak erst ab 18, für Spirituosen braucht es eine Bewilligung. Gurtnellen verkauft Alkohol nur in den bedienten Zeiten, weil der Kanton Uri laut Urner Zeitung den Verkauf per Ausweis-Scan nicht erlaubt. Gähwil hat einen eigenen Keller mit Alterskontrolle an der Tür.

Lebensmittel

Wer Lebensmittel verkauft, meldet den Betrieb vor der Eröffnung der kantonalen Lebensmittelkontrolle und kontrolliert sich selbst, etwa die Temperaturen in Kühl- und Tiefkühlgeräten.

Videoüberwachung

Ein Schild vor dem Eingang muss auf die Kamera hinweisen. Aufnahmen werden in der Regel nur kurz gespeichert, Trottoir und Nachbargrundstücke bleiben aus dem Bild.

Freiwillige

Freiwillige: Herz und Risiko zugleich

Ohne Freiwillige gäbe es viele Dorfläden nicht. Im Gürkli waren im ersten Halbjahr 943 von 1’758 Arbeitsstunden unbezahlt, der Businessplan rechnet mit zwei Jahren Freiwilligenbetrieb. Plane trotzdem von Anfang an bezahlte Stunden ein: Auf Dauer trägt Freiwilligenarbeit allein keinen Laden.

Häufige Fragen zum Dorfladen

Wie viele Leute braucht es, um eine Genossenschaft für den Dorfladen zu gründen?

Mindestens sieben. Sie gründen die Genossenschaft mit öffentlicher Urkunde, entstanden ist sie mit dem Eintrag ins Handelsregister. Ein Mindestkapital gibt es nicht.

Wie viel Umsatz braucht ein Dorfladen?

Die Schweizer Berghilfe unterstützt Läden mit rund CHF 400’000 bis 1 Million Umsatz im Jahr, darunter gilt ein bedienter Laden als finanziell sehr kritisch. Ohne Personal an der Kasse fallen die Löhne für die meisten Öffnungsstunden weg.

Darf ein Dorfladen ohne Personal rund um die Uhr offen haben?

Das hängt vom Kanton ab. Basel-Stadt und Zürich erlauben es weitgehend, andere Kantone begrenzen die Zeiten oder haben noch keine klare Regel. Frag bei Gemeinde und Kanton nach, bevor du planst.

Wer hilft bei der Finanzierung?

Meist das Dorf selbst über Anteilscheine und Spenden, dazu die Gemeinde, im Berggebiet die Schweizer Berghilfe, Stiftungen und manchmal Bund und Kanton über die Neue Regionalpolitik.

Wie verkauft man Alkohol ohne Personal?

Entweder nur in den bedienten Zeiten oder hinter einer Tür, die sich erst nach einer Alterskontrolle mit Ausweis öffnet. Ob der Kanton die zweite Lösung akzeptiert, klärst du vorher ab.

Was kostet die Technik für einen Laden ohne Personal?

Bei scango.ch beginnt das Abo bei CHF 99.– pro Monat, die Hardware zahlst du einmalig. Mit dem Rechner siehst du, was es für euren Laden kostet.

Was kostet der Laden in eurem Dorf?

Rechne mit echten Listenpreisen aus, was Kasse und Abo kosten und ab wann sich die Selbstbedienung lohnt.