Kundengeschichte · Gurtnellen UR

Gurtnellen verlor seinen Dorfladen. Und baute sich einen neuen.

Fast 70 Jahre lang führte die Familie Widmer den Laden an der Gotthardstrasse. Als er Ende 2025 schliessen musste, wollte das Dorf das nicht hinnehmen. Gut drei Monate später ging im neuen Gürkli mitten in der Nacht der erste Einkauf über die Kasse.

Freiwillige schieben eine Lieferung zum Gürkli
Über das Gürkli berichteten
Ende 2025

Der letzte Laden im Dorf macht zu

Gurtnellen liegt im Urner Oberland, 490 Menschen leben hier. Den Dorfladen an der Gotthardstrasse gab es seit dem Bau der Gotthardbahn, zuerst als Bäckerei. 1957 übernahmen Guido und Käthi Widmer, seit 1988 führten Renate und Martin Widmer den Laden: ohne einen einzigen Tag Ferien, mit Lieferdienst für die Älteren. Ende 2025 ging Martin Widmer aus gesundheitlichen und Altersgründen in Pension. Den Ausschlag gab die Gesundheit, sonst hätte er weitergemacht, solange es gegangen wäre.

Ohne Laden braucht in Gurtnellen jeder ein Auto, um einzukaufen. Wer nicht mehr fahren kann, ist auf andere angewiesen. Und ein Dorf ohne Laden verliert seinen Treffpunkt.

Herbst 2025

«Wir müssen den Dorfladen retten!»

Das sei sofort klar gewesen, sagt Petra Sicher. Zusammen mit Gemeinderat Roger Indergand nahm sie die Sache in die Hand. Ein sechsseitiger Fragebogen ging an alle Haushalte: 304 der 490 Einwohnerinnen und Einwohner machten mit, 59 Haushalte boten Hilfe an, beim Umbau, im Laden oder beim Liefern.

  1. 1

    25. September 2025

    Die Genossenschaft Dorfladen Gurtnellen wird gegründet. Ein Anteilschein kostet CHF 200.

  2. 2

    17. Oktober 2025

    Info-Abend in der Turnhalle, fast alle Stühle sind besetzt. Danach gehen die Anteilscheine weg wie warme Brötchen.

  3. 3

    November und Dezember

    Die Gemeindeversammlung sagt Ja zu Darlehen und Bürgschaft. Freiwillige bauen die ehemalige Postfiliale am Bahnhofplatz um.

  4. 4

    2. Januar 2026

    Mitten in der Nacht gehen die ersten Spaghetti und Tiefkühlpizzas über die Kasse. Zwischen altem und neuem Laden gibt es keinen Tag ohne Einkauf.

  5. 5

    17. Januar 2026

    Offizielle Eröffnung mit Kaffee, Gipfeli, Marroni und einer Segnung.

Anpacken

Gürkli-Helme für die Baustelle. 59 Haushalte hatten ihre Hilfe angeboten.

Bauhelme mit dem Gürkli-Logo

Umbau

Aus der ehemaligen Postfiliale wird ein Laden. Handwerker und Freiwillige arbeiten in ihrer Freizeit.

Baustelle in der ehemaligen Postfiliale

Bereit für die Regale

Neue Wände, neuer Boden, neues Licht.

Leerer, frisch gestrichener Raum mit neuem Boden
Das Team

Ein Laden, getragen von Freiwilligen

Petra Sicher arbeitet 80 Prozent als Ärztin. Für das Gürkli hat sie ihre Ferien hergegeben. Im Januar arbeitete das ganze Team gratis, Handwerker und Nachbarinnen bauten den Laden in ihrer Freizeit um.

Das Gürkli-Team im frisch umgebauten Laden
Das Gürkli-Team wächst.
«Petra ist für mich die Heldin von Gurtnellen.»
C
Claudia Walker
Freiwillige im Gürkli, in der Urner Zeitung
unbezahlte Arbeit im ersten Halbjahr
943 Stundenunbezahlte Arbeit im ersten Halbjahr
Anteilscheine bis zur Eröffnung
138Anteilscheine bis zur Eröffnung
Frondienst beim Umbau
CHF 200’000Frondienst beim Umbau
Nach acht Monaten

Das Dorf kauft wieder im Dorf ein

Einkäufe bis Ende August 2026
knapp 14’000
Einkäufe pro Tag im August, im Januar 45
63
Umsatz im August gegenüber Januar
+49 %
Genossenschafterinnen und Genossenschafter
rund 150

In der ersten Woche kamen trotz zweimal starkem Schneefall 270 Kundinnen und Kunden, die ersten schon in der Nacht. Am meisten verkauft wurden Buttergipfel und Mutschli.

Zahlen aus den Newslettern der Genossenschaft Dorfladen Gurtnellen.

Grafik des Gürkli zur ersten Woche: 270 Besucher, 1640 Produkte, Buttergipfel und Mutschli am meisten verkauft
So bedankte sich das Gürkli nach der ersten Woche bei der Kundschaft.
Mehr als ein Laden

Was das Gürkli für Gurtnellen ist

Zmorgä am 1. August

Rund 50 Leute frühstücken auf dem Bahnhofplatz, eine Ländlerkapelle spielt. Das soll Tradition werden.

Dorfbewohner beim Frühstück unter einem Festzelt mit Schweizer Fähnchen

Fasnacht im Gürkli

Die Tratschihexen verkaufen Schnitzelbankbilder zugunsten des Ladens.

Fasnachtsgruppe in grünen Kostümen zwischen den Regalen des Gürkli

Ostereiertütschen

Am Ostermontag tütschen Gross und Klein vor dem Laden um den Wanderpokal.

Plakat des Gürkli zum ersten Eiertütsch-Wettbewerb

Und an einem 70. Geburtstag wurde statt für Geschenke fürs Gürkli gesammelt.

Lieferdienst in die Weiler

Wer in den Bergweilern wohnt und nicht mehr mobil ist, ruft an. Freiwillige rüsten die Kiste und bringen sie vorbei, seit Ende November 2025 schon.

Frisches Brot, auch am Sonntag

Freiwillige backen ab fünf Uhr morgens auf. Wer sicher gehen will, bestellt sein Brot vor.

Rund um die Uhr

24 Stunden offen, zweimal pro Woche bedient

Am Montag und am Donnerstag steht jemand im Laden, nimmt die grossen Lieferungen entgegen und hilft beim Zugangscode. An allen anderen Tagen und in der Nacht kommen die Gurtnellerinnen und Gurtneller sowie regelmässige Kundinnen und Kunden mit ihrem persönlichen Code hinein, Gäste fordern einen Tagescode per SMS an. Die Einkäufe scannt die Kundschaft selbst an der Kasse von scango.ch und bezahlt mit Karte.

Alkohol gibt es nur in den bedienten Zeiten: Der Kanton Uri erlaubt den Verkauf über einen Ausweis-Scan nicht.

«Als absolute Neulinge im Lebensmitteleinzelhandel standen wir vor der Herausforderung, eine Selbstbedienungskasse einzuführen – ohne jegliche Vorerfahrung in diesem Bereich. Das Team von scango hat uns dabei von Anfang an hervorragend begleitet: Mit verständlichen Anleitungen und geduldigen Erklärungen konnten wir die Umsetzung problemlos meistern. Besonders positiv aufgefallen ist uns das umfangreiche und gut aufbereitete Erklärmaterial, das uns jederzeit zur Verfügung stand. Und wann immer wir Fragen hatten, war der Support blitzschnell zur Stelle. Was scango für uns besonders auszeichnet: Das Team hat ein offenes Ohr für unsere Wünsche und Anregungen und treibt die Weiterentwicklung des Produkts kontinuierlich voran – sei es durch neue Funktionen oder eine noch benutzerfreundlichere Bedienoberfläche. Auch unsere Kundinnen und Kunden kommen sehr gut mit dem System zurecht. Wir können scango uneingeschränkt weiterempfehlen.»
P
Petra Sicher
Präsidentin der Genossenschaft Dorfladen Gurtnellen
Illustration: das Gürkli als Gurke mit Daumen hoch und scango.ch-Schild, in der Sprechblase Petras Zitat zu Erklärmaterial und Support
Fragen aus anderen Dörfern

Was andere Dörfer vom Gürkli lernen können

Wie rettet ein Dorf seinen Laden, wenn niemand übernehmen will?

In Gurtnellen übernahm das Dorf selbst. Eine Umfrage zeigte, dass die Leute den Laden wollen und mithelfen. Daraus wurde eine Genossenschaft mit Anteilscheinen à CHF 200, unterstützt von der Gemeinde. Weil der Laden die meiste Zeit in Selbstbedienung läuft, muss niemand rund um die Uhr an der Kasse stehen.

Kann ein Dorfladen rund um die Uhr ohne Personal offen haben?

Ja. Die Kundschaft kommt mit einem Code hinein, scannt ihre Einkäufe an der Selbstbedienungskasse und bezahlt am Terminal. Verkäufe und Lagerbestand siehst du im Cloud Dashboard, auch von zu Hause aus. Personal braucht es fürs Auffüllen und für Lieferungen, nicht fürs Kassieren.

Was hat das Gürkli gekostet?

Umbau und Start waren mit rund CHF 500’000 budgetiert, davon rund CHF 200’000 als Frondienst. Die Kasse ist davon ein kleiner Teil: Das Abo von scango.ch beginnt bei CHF 99.– pro Monat, die Hardware zahlst du einmalig. Mit dem Rechner siehst du, was es für deinen Laden kostet.

Wie finanziert eine Genossenschaft ihren Dorfladen?

Das Gürkli setzte auf Anteilscheine aus dem Dorf, Spenden, ein Crowdfunding und ein zinsloses Darlehen der Gemeinde. Die Gemeinde bürgte zudem für ein Darlehen aus der Neuen Regionalpolitik von Bund und Kanton. Auf der Sponsorenliste stehen auch der Kanton Uri, die Schweizer Berghilfe und die Dätwyler Stiftung.

Was ist noch nicht gelöst?

Die Genossenschaft sagt es offen: Ohne Freiwillige geht es noch nicht. Im ersten Halbjahr war über die Hälfte der Arbeitsstunden unbezahlt, der Businessplan rechnet mit zwei Jahren Freiwilligenbetrieb. Und Alkohol darf im Kanton Uri nur verkauft werden, wenn jemand im Laden ist.

«Dieser Laden gehört euch.»

So schreibt die Genossenschaft im Newsletter an das Dorf. Wer das Gürkli unterstützen will, zeichnet einen Anteilschein oder spendet.

Steht dein Dorfladen auch auf der Kippe?

Wir zeigen dir, wie andere Dörfer ihren Laden mit Selbstbedienung weiterführen, und was das für euch kostet.